Anekdoten rund um Balsthal - Jura Bericht 2008

Jetzt ist wieder die Jahreszeit, in der der gestresste Autofahrer im Stau bei Oensingen die Felsen der Region besonders gut beobachten kann, denn die Bäume
tragen noch kein Laub und die Wände gucken daher ganz besonders neckisch aus dem Wald hervor. Dieser Anblick treibt einer speziellen Spezies von Menschen
seit Anfang der achtziger Jahre den Schweiss aus den Händen. Im Winter 1982/83 richteten Hanspi Siegrist und Pesche Wüthrich den neuen Klettergarten in
Balsthal-Klus ein.(…)
Und auch im Alten Klettergarten glänzten an den ersten Frühlingstagen neue Bohrhaken. Die Kunde von anspruchsvollen Kletterrouten an (fast) südfranzösichem Fels wurde dank den Zeitschriften „Die Alpen" und „Boulder" ins ganze Schweizerländle hinausgetragen. Und so war es damals immer ganz schön spannend, wer da anzutreffen war, im neuen Mekka der Kletterer. Französische Wortfetzen wechselten sich mit breitem Berndeutsch, Hochdeutsch wurde vernommen, urchige Solothurner Töne waren zu hören, Züri Tütsch und Baasler Brocken… Ja, eines war klar, Balsthal war damals nicht nur geografisch der Mittelpunkt von Bern, Zürich und Basel. Bekannte Gesichter wie Martin Scheel oder Jürg von Känel waren regelmässig anzutreffen. Mit der Route „Imaginäre Grösse„ hat sich Martin sogar in die Liste der Erstbegeher eingetragen (und mit der Bewertung etwas gegeizt). Und auch Kim Carrigan hat ein paar Jahre später seine Spuren mit der Route „Schick mir einen Engel" hinterlassen. Aber war da nicht noch etwas anderes mit Martin Scheel? Genau, er hat auch die legendäre Route „Welle" eingerichtet. Lange galt sie als das letzte grosse Projekt und wurde demzufolge oft versucht, bis Hanspi sie schliesslich 1985 klettern konnte und mit dem Grad 8a+/8b bewertete. Solche Zahlen lockten damals die besten Kletterer wie Motten das Licht an. Pesche und Heinz Gut holten sich bald die weitere Begehungen (die Reihenfolge ist zufällig gewählt). Der Ruf der Route wurde auch im nördlichen Teil des Jura vernommen und so stand eines Tages Wenzel Vodicka am Einstieg derselben. Er konnte sie in kürzester Zeit wiederholen. Etwas später stattete er der Brückenwand an der Holzflue einen Besuch ab und onsightete die Route „Die Flöhe husten hören".
Nach diesem Tag war er völlig happy, aber nicht in erster Linie wegen diesem Erfolg, sondern weil er so begeistert war von den glatten Wänden unterhalb der Brücke! Die Zeit um dort Routen einzubohren hat er sich nicht genommen und so sind diese Felsen auch heute noch jungfräulich.

Neben der Welle hat Hanspi mitte der 80-er Jahre noch eine weitere schwere Route im Thal erstbegangen, den „Jokerman" an der Leenflue. Eine fantastische Linie in
bestem Fels, 40 m lang, technisch und moralisch anspruchsvoll mit einem Ausdauerteil am Schluss (heute ist die Route saniert und weist 5 Bohrhaken mehr
auf). Auch diese Route wurde von Wenzel in kurzer Zeit wiederholt. Angesprochen auf die Bewertung, hat er für die „Welle" wie für den „Jokerman" in seinem
undeutlichen tschechischen Akzent etwas von 7c gemurmelt. Auch Markus von Burg, der die Route später ebenfalls kletterte, hat in dieselbe Bresche gehauen und den „Jokerman" degradiert. Über das „Warum" kann nur gerätselt werden. Sicher, Wenzel war mit einer Körpergrösse von über 1,90 m nicht im Nachteil, doch wollte
man vielleicht auch den Bernern eins auswischen…?! Wie dem auch sei, bei beiden Routen lohnt sich ein Besuch auch heute noch.
Ein Besuch lohnt sich auch sonst im Thal. Denn neben den erwähnten Gebieten sind
in den letzten Jahren zahlreiche weitere lohnende Klettermöglichkeiten entstanden. Waren es damals die schweren Routen, die die Kletterer anzogen, so ist es heute die Vielzahl der Routen in den mittleren Graden. Gerade für auswärtige Kletterer bietet sich das Thal an, einige Tage zu verweilen um die verschiedenen Felsen kennen zu lernen Die Geschichte der Kletterregion Balsthal ist auch im Jahr 2008 noch nicht zu Ende geschrieben. Es gibt noch einige unberührte Felsen, noch zahlreiche offene Projekte und noch unzählige Anekdoten die in Zukunft darüber geschrieben werden.

by : Roland Moor

Hier einige der Toprouten im Thal aus der Zeit von 1984-1990:

Imaginäre Grösse/Neuer Klettergarten, 7a 1988 Martin Scheel
Alea jacta est/ Alter Klettergarten, 7b+ 1985 Martin Scheel
Die Flöhe husten hören/ Holzflue, 7b+ 1988 Thomas von Burg
Send me an angel/ Neuer Klettergarten, 7b+ 1989 Kim Carrigan
Never trust a smiling cat/ Neuer Klettergarten, 7b+ 1984 Hanspi Sigrist
Jokerman/Leenflue, 7c 1990 Hanspi Sigrist
Luftibus/ Westpfeiler, 7c 1984 Hanspi Sigrist
Plaisir obligé/ Fernsehturm, 8a 1989 Roli Moor
Die Welle/ Neuer Klettergarten, 8a 1985 Hanspi Sigrist

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