Klettergebiete im Wandel der Zeit – Wie Geheimgebiete entstehen und verschwinden.

Geheimnisse zu haben gibt es in jeder Sportart. Eine spezielle Wachsmischung für die Ski, eine effizientere Trainingsart, spezielle Konstruktionen, neue Materialien etc. Doch im Klettern interessieren uns weniger die Geheimnisse, wie trainiere ich effizienter, wie habe ich weniger Gewicht mit mir. So sind die grössten Geheimnisse im Klettersport unsere Spielplätze. Gut geschützte Geheimnisse sind somit eine wenig bekannte Tour, Route oder Gebiet. Gestaltet sich das geheimhalten von isolierten Routen, Touren als einfach, da die Mehrheit der Kletternden keine langen Zustiege in Kauf nehmen wollen um nur eine Route zu klettern, so sieht es bei Klettergebieten anders aus.

Doch ab wann ist ein Klettergebiet ein Geheimgebiet? Und warum gibt es Geheimgebiete?

Zuerst gilt zu beachten das auch im Klettersport neue Trends innehalten. Trends wiederspiegeln eine Akzeptanz des Ausübens einer Sportart durch eine gewisse Masse, somit tritt die Sportart aus dem Schattendasein heraus und gewinnt an Interesse, bei Publikum, Sportlern und Medien. Die Entwicklung von Sportarten nimmt somit zu und es benötigt neue Spielgebiete um diese Auszuüben.
Generell kann im Klettersport von grossen Trends und somit von grossen Verschiebungen im Kletterverhalten festgestellt werden. Der Kletterhallenboom der letzten 20 Jahre hat das Kletterverhalten sehr stark geprägt. Weiter hinzu kamen die Digitalisierung von Informationen zum Klettern in Form von Internetforen, Blogs und Klettergebietsseiten.
Geheimgebiete könnte man meinen gehörten gerade dank Internet und sozialer Medien in Zukunft der Vergangenheit an, da überall Ticklists, Fotos und Erlebnisberichte publiziert werden. Jedoch zeigt die Erfahrung der letzten 10 Jahre Kletterblogs und Foren in der Schweiz gerade dass es weiterhin Geheimgebiete geben wird. Dies einerseits, da ja zuerst ein Geheimgebiet besucht werden muss um es zu publizieren. Um dies zu finden muss man in einschlägigen Kreisen verkehren oder selbst Hand am Bohrhammer anlegen. Die Internetforen, Blogs und Klettergebietsseiten sind nur sekundäre Faktoren welche das Kletterverhalten beeinflussen. Eine gewisse Mobilität sowie die Pflege und den Betrieb von Blogs und Foren werden vorausgesetzt. Geheimnisse werden auf diesem Kanal kaum preisgegeben ausser der Betreiber macht sich in akribischer Arbeit auf die Suche nach Hinweisen von Geheimgebieten und setzt sich gegen ungeschriebene Grundsätze der Erschliesser, Locals hinweg.

Einen weitaus grösseren Anteil am fortbestehen und sogar dem neuen entstehen von Geheimgebieten haben die Kletterhallen. Früher wurde bei Eiseskälte und Sonnenschein das kleine Wändchen oberhalb der Baumgrenze in nebelfreier Lage zum Hotspot für wenige Wochen. Oder im Sommer das regensichere Dach über den kleinen boulderartigen Lochrouten, so schert sich heute kaum mehr jemand um das Feintuning der Gebietssuche. Man geht ganz einfach: In die Halle. Somit verkommen diese Gebiete zu stillen Oasen und Geheimgebiete.
Somit erkennen wir, dass im Verlauf der Zunahme der Kletteraktivitäten die Geheimgebiete weiter strikter Geheimhaltung unterliegen. Wie oben beschrieben haben die Kletterhallen einen nicht unwichtigen Anteil am Fortbestehen von Geheimgebieten. Weit wichtiger bleibt jedoch der emotionale sowie psychosoziale Gedanken welcher Geheimgebieten zugrunde liegt welche das Urtümliche des Klettersportes wiederspiegeln.

Daher unterscheiden wir zwei Gruppen von Geheimhaltern:
Die erste Gruppe sind die Interessenvertreter welche direkten Eigennutzen aus der Geheimhaltung ziehen. In der Übersicht eine nicht abschliessende Aufzählung von Nutzen der verschiedenen Vertreter:

- Die Erschliesser. Ruhige und langandauernde ungestörte intensive Auseinandersetzung mit dem Fels, der Natur, Verwirklichung eines kreativen Aktes der Entstehung von einem Klettergarten (In Kontakt treten mit Vertretern von Umweltschutz, Landeigner, ehemaligen Klettern in diesem Gebiet, Linienplanung, erhöhter Einrichtungsstandart mit Fixumlenkkarabiner und Projektexpressen evtl. Materialbox, Bänkli oder sogar Sofa am Wandfuss, Putzen&Säubern, Ergänzen & Ausbau, Entdecken der eingebohrten Routen, Klettern, Namensgabe, Topozeichnen, erste eigene Rotpunktbegehung, Prüfen der Routen von Freunden, Diskussion & stundenlanges Fachsimpeln und Lösungsfindung der Kletterzugabfolge, Pflege des Klettergartens, Teilhabenlassen anderer Kletternden, sozialer Akt, weitergeben von Know-how, Gedanken zur Veröffentlichung)

- Die Local. (Teilhaben an der Entstehung eines Klettergartens, physische Hilfe oder Teilnahme an den Erzählungen, sozialer Akt, teilen von Know-how, Insiderkentnisse, Klettern von immer wieder neuen Routen, Abenteuergeist, ruhiger Rückzugsort, direkte Interaktion mit dem Eröffner, Zugehörigkeitsgefühl)

Die zweite Gruppe sind Vertreter welche einen weitaus geringeren direkten Eigennutzen aus der Geheimhaltung ziehen. Den Prozess der Geheimhaltung daher akzeptieren und sogar begrüssen.

- Kletterer (Neues Klettergebiet mit neuen Routen, ruhiger Rückzugsort, Teilhabe an Insiderwissen, Teilen von Insiderwissen, Abenteuergeist, Freude am ungewöhnlichen Entdecken von Routen ohne Topo und Routenkentnisse, ruhiger Rückzugsort, Zugehörigkeitsgefühl)

- Kletterführerautoren (Auswahl, Publikation von nur den besten Gebieten, Kanalisation der Klettermassen in bereits etablierten Gebieten, eventuelle Geheimgebiete welche zu einem späteren Zeitpunkt publiziert werden können. Mit der Zeit, Säuberung des neuen Klettergebietes von losen Steinen, Erosion, bessere Zugangssituation, Steigerung der Erlebnisqualität eines etablierten Klettergebietes)

Geheimgebiete entstehen auch:

- Verbote, Beschränkungen. Sei es durch offizielle behördliche oder inoffizielle bilaterale Verbote oder Beschränkungen zwischen Kletternden und Landbesitzer oder Interessenvertreter wie Anwohner, Vereine. Die Verbote oder Beschränkungen sind verschiedentlich und können das Interesse an einem Klettergebiet sehr stark schmälern. So wenn der Zugang nun viel weiter und beschwerlicher ausfällt. (Z.Bsp.: Direkter Zugang durch Landbesitzer verwehrt. Dafür Benutzung eines bestehenden Wanderweges.) Saisonale Einschränkung während Jagd – Brut – oder Schonzeit. Weiter kann auch ein Publikationsverbot des Klettergebietes ausgesprochen werden. Die Massnahmen zielen darauf ab meist die Kletterer zu lenken. Einige solcher Gebiete wurden dadurch Opfer dieser Einschränkung und wurden bei Neupublikationen nicht mehr berücksichtigt da diese nicht mehr dasselbe Interesse der Klettergemeinde hervorrufen.

- Kletterführerautor vergisst genau zu recherchieren und vergisst Gebiete, oder verzichtet auf eine Publikation. Nicht Publikation auf Grund nicht mehr lohnenswert taxierter Kletterei, welche den heutigen Anforderungen nicht mehr entspricht.

- Vergessener Klettergarten wird neu geputzt und mit neuen Routen versehen und nicht neu veröffentlicht.

Generell sehen wir das an einem Geheimgebiet nicht nur der Erschliesser grossen Anteil an Entscheidungseinfluss hat. Er ist sicher der erste Entscheider und Beeinflusser was mit dem Klettergebiet passieren soll. Jedoch ist ebenso wichtig das weitere Kletterer diesen Willen unterstützen und hinter diesem Willen auch einen Sinn sehen. Auch wenn das für viele eine doch nicht klar verständliche eigennützerisch und selbstherrliche Tat ist. Das Errichten von Kletterrouten ist ein grosser Aufwand und für die Erstbegeher ein emotionaler Moment zugleich. Er soll die Entscheidung einem Gebiet dein Geheimstempel aufzudrücken nicht rechtfertigen jedoch sollte dieser besser Verstanden werden. Wir kennen viele Gebiete welche lange Jahre einen besonderen Geheimstatus innehatten und auch noch heute innehaben.

Von den schweizweit rund 2500 Klettergebieten wurden in der Zeitspanne der letzten 25 Jahre gerademal 1750 Klettergebiete beschrieben. Das heisst gerade mal 70%! Die anderen Gebiete werden geheim frequentiert oder gingen im Verlauf der Zeit vergessen und fristen ein Dornröschen Dasein.
Dank der scalamalade-areas.com Seite konnte bei einer Auswahl von Klettergebieten genau statistisch über 5 Jahre eingesehen werden welche Klettergebiete am meisten online konsultiert wurden. Das tatsächliche Verhalten wiederspiegelt diese Statistik nicht schlecht. So ist auszumachen dass der Trend der Kanalisierung in gewissen Klettergebieten zugenommen hat. In kleinen Klettergebieten bleibt das Interesse linear über die Jahre gleichbleibend. Ebenfalls mit Hilfe der Ticklists und Begehungen erwähnt auf 8a.nu konnten diese Daten überprüft werden.
Somit kann aus einer Auswahl von 250 Klettergebieten, diese wiederspiegeln die meistbesuchten Klettergebiete der Schweiz, eine Analyse erstellt werden welche zeigt das von dieser Anzahl 15 Gebiete, (7%) klassische Geheimgebiete sind, wo der Erstbegeher und die Locals eine Veröffentlichung strikt ablehnen. Bei 5 Gebieten (2%) sind Verbote oder Beschränkungen von Landeignern, Umweltverbänden oder weiteren die Ursache einer verordneten Geheimhaltung. Bei den restlichen (2%) wiederum 5 Klettergebieten ist dieses immer wieder publiziert, jedoch erhält es dennoch nie die eigentliche verdiente Beachtung auf Grund der Publikation von nur wenigen Routen des Gebietes, unvorteilhafter Beschreibung oder weglassen in den neusten Führern.
Wenn wir von jenen 250 meistfrequentiertesten Klettergebieten ausgehen sind somit immerhin knapp 10% Geheimgebiete wo man meist alleine oder im engsten Kreise klettert. Unglaublich erscheint uns das von den 2500 Klettergebieten in der Schweiz klettern wir in 2250 Klettergebieten welche veröffentlicht wurden mehrheitlich alleine!

Wir dürfen nicht vergessen das Schwierigkeitsgrade, Absicherungszustand, Zugänglichkeit und Routenanzahl einen grossen Einfluss auf die Frequentation der Klettergebiete hat. Mit den statistischen Zugriffswerten kann klar gesagt werden wo die Klettergemeinde ihre Finger lang zieht: In Klettergebieten wie: Arcegno, Ponte Brolla und Cevio, Lehn, Neuhaus, Wilderswil, Schartenflue/Gempen, Falkenflue, Pelzli, Alter Klettergarten Balsthal/Klus, Simplon Dorf, Bramois, Dorenaz, Galerie. Generell kann gesagt werden das alle Gebiete welche durch die Filidor Führerserie abgedeckt sind das non plus ultra sind betreffend regelmässiger Frequentation.
Es gibt Geheimgebiete welche nach einer Zeit ihres Daseins veröffentlicht werden. So wurden die Informationen zu den Routen an den Wendenstöcken mit den Jahren ein bisschen generöser preisgegeben. Dennoch behalten viele Routen ihren Geheimstatus bei. Gerade in der Innerschweiz gab es viele Geheimgebiete, diese wurden ebenfalls mehrheitlich mit der Veröffentlichung neuer Führer in den letzten Jahren preisgegeben. Im Glarnerland zum Beispiel mit dem Erscheinen des Topoführers GL Climbs von Felix Ortlieb. Und auch die Urner und die Haslitaler wo die meisten Klettergebiete geheim sind, öffneten zumindest ein wenig die Geheimschattule. Nächster grosser Schlag ist geplant mit dem Kletterführer Neuenburg/Waadtland für das Jahr 2019. Auch diese Region war bisher eine geheimnisvolle Ecke.

Die wenigsten Fristen einen lupenreinen Geheimstatus von den Erstbegehern gehütet wie der Augapfel. Die meisten Klettergärten verlieren im Laufe der Zeit ihre Anziehungskraft trotz grosszügiger Publikation. Doch jeder Klettergarten hat sein berechtigtes Dasein da er eine Spielwiese für Kletterer darstellt. Wir denken an die stillen Perlen welche Topklettergebiete sind jedoch, auch hier statistisch belegt sehr selten besucht und beinahe vergessene Klettergebiete sind wie: Oberdörfler Chlus (ohne Bubichof), Leenflue bei Niederbipp, Abendberg, Ärmighorn.

Geheimgebiete werden uns auch weiter in ihren Bann ziehen, viele neue Abenteuer bleiben uns erhalten. Bis zum nächsten Bild in einer unbekannten Route und schon wird wieder gesucht, geforscht und rekognosziert. Bis wir selbst die Wand berühren.

Am 05.April werden ganz viele neue Geheimnisse preisgegeben anlässlich der Präsentation des neuen Kletterführers Neuchatel/Vaud. Scalamalade berichtet.